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10.09.2016
   Das soziale Miteinander und Gegeneinander der Tiere
 

"Ach ist das süß!" rufen Kinder einer Schulklasse, als sie am Affengehege des Zoos stehen und eine zusammen sitzende Gruppe von Äffchen sehen. Doch dieses Zusammenleben ist nicht nur niedlich anzuschauen sondern auch sehr zweckmäßig. Tiere, die in Gruppen leben, können sich besser vor Raubtieren schützen, zusammen auf Nahrungssuche gehen und einander unterstützen.

Viele Tiere sind aufmerksamer
Ein Löwe auf der Pirsch im hohen Gras ist schwer sichtbar. Antilopen können allerdings mit Hilfe von mehreren Dutzend Augenpaaren fast jede kleine Bewegung bemerken. Auch die zahlreichen geöffneten Ohren vermögen jedes Knirschen einer Tatze auf dem trockenen Gras wahrzunehmen. Diese Möglichkeiten hat eine einzelne Antilope nicht, denn zum Fressen muss sie ihren Kopf zum Boden hin bewegen. In einem Verbund an Tieren wird jedoch in diesem Moment ein anderes Tier den Kopf nach oben strecken und das Gebiet überwachen. Vernimmt einer dieser Wächter ein Rascheln im Gras und vermutet ein Raubtier dahinter, so wird es die anderen Gruppenmitglieder darauf aufmerksam machen. So auch bei den Affen – Schreie oder Warnbewegungen werden hier eingesetzt, sobald Leoparden sich in der Nähe befinden. Teilweise können auch andere Arten als Wächter missbraucht werden. Im Regenwald gibt es Vögel, die zur Beute von Leoparden gehören und daher ihre Artgenossen mit Rufen vor diesen warnen. Diese Warnsignale werden allerdings auch von vielen anderen Tieren im Dickicht gehört, diese wissen dann alle über die Anwesenheit eines gefährlichen Raubtieres Bescheid. Die erste Maßnahme der meisten Tiere ist nun die Flucht.

Raubtierverwirrung durch gemeinsame Flucht
Das Getrampel von Hunderten Beinen, die sich auf einmal in alle Himmelsrichtungen verteilen – dieser Anblick wird jedes Raubtier erst einmal verwirren. Es muss sich mit der Frage beschäftigen, welches Beutetier es nun verfolgt – und die Tatsache, dass innerhalb von flüchtenden großen Tiergruppen einzelne Tiere kaum mit den Augen verfolgbar sind, macht es nicht gerade einfacher. Diese Zeit ist für die fliehenden Tiere kostbar – jeder weitere Schritt senkt die Chance, gefressen zu werden. Doch nicht nur dadurch sinkt diese Wahrscheinlichkeit, sie nimmt auch mit zunehmender Gruppengröße zu. Kann ein Raubtier ein einzelnes Tier aus einer Gruppe von zehn Tieren fangen, ist mit einem Zehntel das Risiko für jedes Tier relativ hoch. Beträgt die Größe des Rudels jedoch mehrere hundert Tiere, muss eine Antilope fast schon einen Sechser im Lotto haben, vorher wird sie nicht gefressen werden. Eine große Ansammlung von Tieren verhindert weiterhin, dass ein Raubtier leicht auf Beute stößt. Denn versammeln sich in einem Gebiet von mehreren Hektar Land alle Tiere auf ein paar Quadratmetern, so treffen umherstreifende Räuber nur selten auf Beute. Gibt es trotzdem ein Zusammentreffen, so werden nicht immer alle Tiere fliehen – es gibt genug, die sich ihrer Haut zu wehren wissen – sei es mit Zähnen, Hörnern oder Klauen.

Raubtiervertreibung durch gemeinsamen Angriff
Mit Waffen bewehrte Tiere wissen sich gegen Räuber oft durchaus zu behaupten – vor allem wenn sie in großer Zahl sind. So auch Büffel, die Löwen mit Hilfe ihrer gewaltigen Hörner auch in die Flucht schlagen können. Zwar kann ein einzelner Büffel von mehreren Löwen trotzdem noch gerissen werden; sind allerdings ein Dutzend Tiere auf Angriffskurs, so müssen die Löwen unverrichteter Dinge wieder abziehen. Intelligentere Tiere wie Menschenaffen wissen sich mit Hilfe von Werkzeugen zu wehren. Mit Hilfe von Stöcken gehen Gruppen von erwachsenen und aggressiven Schimpansen auch auf Leopardenjagd. Forscher stellten im Regenwald Raubkatzenattrappen auf, indem sie ein Holzgerüst mit Leopardenfell bezogen. Anschließend konnte beobachtet werden, dass Schimpansen mit Stöcken herbeirannten und die Attrappe so lange mit Stöcken traktierten, bis diese in sich zusammenfiel. Hätte es sich bei dieser um einen lebenden Leopard gehandelt, wäre dessen Rückgrat unweigerlich zerschmettert worden. Andere Menschenaffen benutzen Wurfgegenstände zur Selbstverteidigung und benutzen Steine, Äste, Früchte oder andere greifbare Gegenstände, um Raubkatzen oder andere gefährliche Tiere von ihren Bäumen fern zu halten. So erging es auch Forschern, die sich im Regenwald auf der Suche nach den Affen befanden und sich in einem Hagel von Früchten wiederfanden. Einer berichtete sogar, dass er mit kleinen Äffchen beworfen wurde, die der erboste Menschenaffe auf dem Baum gerade in Griffnähe hatte. Mit aufgebrachten Tieren, die sich in Gruppen zusammenschließen, ist also als Räuber nicht zu spaßen.

Suche nach guten Nahrungsquellen wird einfacher – und auch schwieriger
Eine erhöhte Wachsamkeit mehrerer Individuen macht sich auch bei der Nahrungssuche bemerkbar. Oft sind ertragreiche Nahrungsquellen selten und spärlich verteilt – diese zu finden, ist für ein einzelnes Tier schier aussichtslos. Mehrere Tiere können sich jedoch das Gebiet aufteilen und systematisch durchsuchen. Stößt eines dieser Tiere auf eine wohlschmeckende Speise, so können allerdings die persönlichen Interessen im Vordergrund stehen. Aufgrund dessen wird die Nahrungsquelle oft nicht mit den Gruppenangehörigen geteilt. Das kann auch am Umfang der Quelle liegen – eine Menge, die für ein einzelnes Tier gut bemessen ist, ist bei einer großen Gruppe nur ein Tropfen auf dem heißen Stein und führt nur um Streit und Aggressionen rund um die Mahlzeit. Andererseits wird früher oder später jemand dem Betrüger auf die Spur kommen – riecht er doch nach der gerade verrichteten schmackhaften Mahlzeit. Bei der nächsten Nahrungssuche, bei dieser der Betrüger sich zur bekannten Quelle aufmacht, erhält dieser ein paar unauffällige Verfolger – und der Streit ums Essen bricht an. Schon hier macht sich bemerkbar, dass das Zusammenleben in einer Gruppe auch ein Gegeneinander sein kann und bei einem der Grundbedürfnisse jedes Tieres zu Konflikten führen kann.

Streit um Partner
Doch nicht nur Nahrung gehört zu den Grundbedürfnissen jedes Lebewesens, auch die Fortpflanzung ist wichtig. Jedes Tier strebt an, sich möglichst kinderreich fortzupflanzen, um das Fortbestehen seiner Gene zu sichern. Das führt dazu, dass es in Gruppen immer Monopolisierungsversuche gibt; oft beansprucht ein dominantes und starkes Tier alle fruchtbaren Partner für sich. Da dies zu Unverständnis bei anderen Gruppenmitgliedern führt, artet dieser Monopolisierungsversuch oft in Streit aus, in dem sich nur die stärksten Tiere durchsetzen können. Doch der Unfrieden ist selbst dann noch lange nicht beigelegt. Wird das dominante Tier krank, schwach oder alt, so beginnt der Kampf um die Paarungspartner vom Neuen. Ein ständiger Herd für Konflikte wird so durch das Zusammenleben geboten – dieses Problem haben einzelgängerische Tiere, die nur auf gleich gesonnene Paarungspartner treffen, nicht.

Gemeinschaftliche Unterstützung
Kommt es trotz dieser Konkurrenzsituationen zu einem friedlichen Zusammenleben, so liegt das daran, dass es sich bei den Angehörigen von Tiergruppen oft um Verwandte handelt. Die einzelnen Gruppenmitglieder unterstützen einander bei der Aufzucht von Kindern – lange rätselten Forscher, warum Arbeitskräfte so bereitwillig zur Verfügung gestellt werden. Doch durch die Verwandtschaft ist das Verhalten logisch – jedes Tier teilt mit dem Nachwuchs eines Verwandten auch einen Teil seiner Gene. So kann es durch die Hilfsbereitschaft über Umwege auch so den Fortbestand seiner Gene sichern – und es ist verständlich, warum partnerlose Geschwister, Tanten und Großmütter die Kinder großpflegen.

Mikrobenparadies
Selbst wenn innerhalb eines Zusammenschlusses von Tieren alle Besitzverhältnisse klar geklärt sind, sorgen andere Probleme für Unfrieden. So auch mikroskopisch kleine Krankheitserreger, die für zahlreiche kranke Tiere sorgen. Eine stetige Interaktion zwischen Tieren ist ein Paradies für diese Mikroben, sie werden durch gegenseitiges Berühren, Niesen oder Anhusten sowie durch den Kontakt mit Exkrementen immer weiter übertragen und tummeln sich bald in jedem Angehörigen einer Tiergruppe. Das kann zum Zusammenbruch des gesamten sozialen Miteinanders führen, da alle sozialen Tiere alsbald erkranken werden – so wie wir es im Mittelalter mit der Pest erlebten. Andererseits können sich durch den ständigen Kontakt mit denselben Krankheitserregern innerhalb der Gruppe auch Resistenzen ausbilden – alle Mitglieder dieses Zusammenschlusses können dadurch fortan von dieser Krankheit verschont werden.

Optimale Gruppengröße
Das stetige Für und Wider für ein soziales Miteinander sorgt dafür, dass es in jeder Gegend für jedes Tier in Anbetracht der Umstände eine optimale Gruppengröße gibt. Die Anzahl an vorhandenen Räubern, die Reichhaltigkeit von Nahrungsquellen und Paarungspartnern sowie das Auftreten von Krankheiten variieren selbst innerhalb von benachbarten Gebieten sehr stark. Daher mag es nicht verwundern wenn ein Tier in einem Gebiet ein einsames Nest baut, während andere Angehörige dieser Art im nächsten Gebiet nur in Gruppen von mehreren Hundert Artgenossen brüten.

Im Zoo können jedoch die negativen Faktoren durch gute Fürsorge größtenteils ausgeschlossen werden. Tierpfleger verhindern, dass Raubtiere den Bestand dezimieren, sorgen für Nahrung im Überfluss und für ein gesundes Geschlechterverhältnis. Tierärzte sorgen zusätzlich für die Gesundheit der Tiere – und nur das macht es möglich, dass Tiere in großen Gruppen auch in teilweise kleinen Gehegen zusammen gehalten werden können und kleine Kinder zum Freudenschrei gebracht werden können.


Foto: © Ashleigh Thompson/flickr.com